Auf den Spuren von Rocholomäus I

Rocholomäus - dat kennt en Kölle jeder, wirklich jeder?

Wenn wir Rocholomäus auf die Teststrecke schicken, dann kapitulieren fast alle vor diesem Wortungetüm. Dabei wissen echte Kölner, was sich hinter Rocholomäus verbirgt: eine seit über fünf Jahrzehnten phantastische Karnevalssitzung. Aus den Pfarrsitzungen von St. Rochus ist sie entstanden.

Von Anfang an leitete Präsident Friedel Haumann die Sitzungen. Um ihn herum sorgten einige Mitverantwortliche des Vorstandes und die Elferräte verantwortlich für die Organisation und das Gelingen. Sie stellten die große Sitzung im Sartory auf die Beine und sorgten so nebenher - und das ist auch nicht ohne - für das Gelingen der Familien- und der Seniorensitzung.

Damit weiß aber nun noch immer nicht jeder Imi, was Rocholomäus ist, geschweige denn er könnte das Buchstabenmonster richtig schreiben. Daher wiederholen wir hier noch einmal Lektion 11 der Bickendorf-Ossendorfer Karnevalsgeschichte.

Das Wort "Rocholomäus" setzt sich zusammen aus St. Rochus und St. Bartholomäus, den beiden Pfarrpatronen unseres Veedels. So, jetzt wissen wir es.

Jaanix wesse mer. Denn wer den heiligen Bartbolomäus oder den heiligen Rochus kennt, der übertrifft unseren Pastor und eine wahrlich geringe Zahl von Bibeltreuen um etliche IQ-Punkte. Kaum jemand kennt die Geschichte der beiden Heiligen, denn sie sind lange nicht so populär wie Nikolaus, Antonius, Ursula, Maria, wie Zinter Maätes oder dr hillige Jupp.Wer nennt heute schon seinen Sohn Rochus oder Bartholomäus. Waren das noch Zeiten, als man sagte "Ich zeig Dir, wo der Barthel den Most holt". Stattdessen sagen wir heute, "was Sache ist" oder "in" ist - was zugegebenermaßen weitaus moderner, flotter und kürzer klingt.

Nun würden wir Sie an dieser Stelle gerne schlauer machen. Aber mit Thomas Gottschalk kann ich nur warnen: "Liebe Kinder, guckt und hört weg, was jetzt kommt ist nicht jugendfrei !" Die Geschichte des heiligen Bartholomäus ist der pure Horror. Schlagen wir ein Heiligenbuch auf und lesen unter dem 24. August: Bartholomäus erscheint unter diesem Namen nur in den Apostelkatalogen der Hl. Schrift. Wahrscheinlich war Bartholomäus ein Beiname des Nathanel aus Kana in Galiläa (also da, wo aus Wasser Wein gemacht wurde - ald widder e Wunder). Bartholomäus soll in Mesopotamien, Armenien und Indien bis ins zweite Jahrhundert die Frohbotschaft verkündet haben (dat deiht Rocholomäus noch hück). Jetzt kütt et: Er soll den Tod durch Abziehen der Haut gefunden haben, was auf den von Persern beherrschten Teil Syriens hinweist. Daß einem das Fell über die Ohren gezogen wird, mag noch alltäglich sein, aber gleich die ganze Haut abziehen, das erregte schon den Unmut unseres Präsidenten: "Das darf doch nicht wahr sein !" hörte ich ihn rufen.

Die Reliquien des Bartholomäus kamen 983 durch Kaiser Otto III. nach Rom, die Hirnschale nach Frankfurt am Main. Bartholomäus wird als Apostel mit Buch. mit Schindmesser und Fahne, mit abgezogener Haut und mit bezwungenem Teufel dargestellt. Eine solch grausige Darstellung verbietet sich natürlich an dieser Stelle.

Ganz anders verhält es sich da mit dem heiligen Rochus - wobei der mir auf den ersten Blick auch nicht gerade jugendfrei vorkam, nicht etwa wegen der Brutalität, sondern wegen des Sex ...

Der geneigte Leser mag mit mir einen Blick in die Kathedrale von Antwerpen werfen, eine wunderschöne, großartige siebenschiffige Basilika. Zwischen riesigen Rubens-Bildern ist dort eine Statue des heiligen Rochus zu sehen. Doch Rochus fällt nicht nur auf, sondern sogar aus der Rolle. Er hat sein Gewand hochgezogen (ich will ja keinen Vergleich anstellen, ävver dat gehööt sich nit) und zeigt auf seinen bloßen, völlig nackten Oberschenkel. Friedel Haumann, der in so vielen Gremien kritisch den Finger auf die Wunde legte, hätte da nur ein empörtes "Is et denn möglich?" auf den Lippen gehabt, so aufreizend stellt sich Rochus zur Schau, und das auch noch in der Kirche. Wirklich: ne schöne Hillige !


Doch auch beim heiligen Rochus hilft ein Blick in das Buch der Heiligenlegenden. Rochus wird verehrt als Patron gegen Pest und Seuchen. Zuverlässige Nachrichten über sein Leben fehlen. Nach einer Legende aus dem 15. Jahrhundert wurde er um 1295 in Montpellier geboren. Er wurde früh elternlos und verschenkte sein (großes) Vermögen an die Armen. Im Jahr 1317 pilgerte er nach Rom. Unterwegs pflegte er Pestkranke und heilte sie durch Kreuzzeichen. Auf der Rückreise soll er 1322 zu Piacenza von der verheerenden Seuche befallen worden sein. Im Jahr 1322 kehrte er, auf wundersame Weise geheilt. in seine Heimatstadt zurück. Man vermutete, er sei ein Spion. Aus Demut gab er sich nicht zu erkennen. Er wurde eingekerkert und starb 1327 im Gefängnis.

Vom 15. Jahrhundert an wurde er in Südfrankreich und Norditalien verehrt, vielfach wurde er den 14 Nothelfern zugesellt. Ihm wurden viele Kirchen, Kapellen. Spitäler und Prozessionen geweiht. Die bekannteste Kultstätte (neben unserer Pfarrkirche) ist die St.-Rochus-Kapelle bei Bingen. Die alljährlich dorthin führende Wallfahrt hat seinerzeit sogar Goethe beschrieben.

Dargestellt wird der heilige Rochus (wie auch in Antwerpen). Mit Pilgerausrüstung, einem Hund mit Brot im Maul und die Pestbeule (bzw. das geheilte Bein) zeigend.

Mit großem Interesse bewunderte Rocholomäus-Elferrat Klaus D. Freund die Statue in der Antwerpener Kathedrale. Schließlich wohnt und arbeitet er schon viele Jahre in der Rochusstraße. Zudem gilt Rochus als der Schutzheilige der Chirurgen (davon kennt Klaus D. Freund einige) und der Schreiner (davon ist er einer) und regional (Vintschgau und Schlesien) als Schutzpatron des Viehs.


Besonders groß ist übrigens in der Antwerpener Kathedrale Der Opferstock vor dem heiligen Rochus ausgefallen. Der Entwurf ist so Gestaltet, daß man großzügig wie das heilige Vorbild sein ganzes Vermögen für die Armen spenden kann.


Auf den Spuren von Rocholomäus II

Der geneigte Leser mag sich erinnern: Vor Jahresfrist stellten wir den heiligen Rochus vor. Ein wahrer Heiliger, der sich um Pestkranke bemühte, selbst von der Seuche befallen wurde und dann geheilt - und daher (neckisch) sein Bein zeigend - in die Heimat zurückkehrte.

Die wahren Rocholomäer, die sich dem heiligen Rochus wie dem heiligen Bartholomäus verpflichtet fühlen, erwarten nun, daß auch dem heiligen Bartholomäus würdigende und humorvolle Zeiten gewidmet werden. Schon St. Rochus war da ein Problem - aber da fanden Rocholomäer halt in der Kathedrale von Antwerpen jene Statue, wo Rochus Bein zeigte. Beim heiligen Bartholomäus gibt es keine Darstellung, die auch nur im geringsten eine spaßige Bemerkung zuließe.

Jener Bartholomäus, dessen Name in Apostelkatalogen der Hl. Schrift auftaucht, verkündete in Mesopotamien, Armenien und Indien die Frohe Botschaft. Und deswegen wurde er verfolgt und getötet - und zwar auf eine äußerst grausame Weise. Man zog ihm die Haut ab, wie es in den von Persern besetzten Gebieten Syriens einst üblich war.

Wie es auch sei: Im vorigen Jahr begaben sich zwei Rocholomäer gen Italien. Die Karnevalsburschen aus der Provinz Ossendorf/Bickendorf treiben sich halt in der ganzen Welt herum - und sie wandelten unbewußt auf den Spuren des heiligen Bartholomäus, was sicherlich nicht zu den einfachsten Übungen gehört.

Kirchengeschichtliche Bücher verwirren die Bartholomäus-Fans. Denn Bartholomäus, so hat man das Gefühl, ist überall. Bartholomäus Holzhauser, ein Heiliger, dessen Namenstag man am 20. Mai feiert, gründete im 17. Jahrhundert in Schwaben die erste Niederlassung der Weltpriestervereinigung. In Mainz und Bingen führte er Lateinschulen und Christenlehre ein, war Vater von geistlichen und pädagogischen Seminaren. Ist das unser Bartholomäus?

Am 23. Mai feiern die Katholiken das Patrozinium von Bartholomäus Bauen. Er war Priester im Franziskanerorden und stammte aus Amberg (Oberpfalz). Er starb nach einem heiligmäßigen Leben am 23. Mai 1621 im St. Laurentius-Kloster in Nepal. Auch wenn er im Ordenshabit, mit dem Kreuz an der Schulter und mit Gefangenen (immerhin ein Hinweis auf Ossendorf) dargestellt wird, - auch das ist nicht unser Bartholomäus.

Unterziehen wir uns einmal der Mühe, ein theologisches Lexikon aufzublättern. Schlagen wir nach bei Bartholomäus, so treten wir eine große Reise durch Europa an.

Wir finden B. von Bologna, einen Franziskaner-Provinzial aus dem 13. Jahrhundert, B. von Bolsenheim (14. Jh..), B. von Braga und von Bregenza, B. von Brescia und von Brugge, B. von Capua und Carranza, B. de Carussiis und von Castelvetro, B. de Chaimis (Buße und Beichte im 15. Jh.) und von Dordrecht (Brüder des freien Geistes), B. von Edessa, Fiadoni und Kalabrien, B. der Kartäuser (gestorben 1446 in Köln), B. de las Casas und von Lucca (Beichtvater von Thomas von Aquin), B. a Martyribus (l6. Jh. Lissabon, Dominikaner, 1754 seliggesprochen), B. von Miranda und von Pisa (gleich zweimal), B. de Podio und de Rinonichis, B. von Rom (Prediger und Reformer im 15. Jh.).


Weiter geht es mit B. a. S. Fausto (Zisterzienser), B. von Trient, von Urbino (Schüler des hl. Augustinus), von Usingen und von Vicenza. Bartholomäus erweist sich als ein Name, der in der Kirchengeschichte häufig auftaucht, ein Name, der über Jahrhunderte fast schon Garantie für tiefgründige Theologie war, der aber heutzutage aus den Taufregistern fast ganz verschwunden ist.

Wie es auch sei: Unsere beiden Rocholomäer weilten in Rom und hätten eigentlich über den wahren Bartholomäus stolpern müssen. Denn der Apostel, der auch unserer Pfarrkirche den Namen gegeben hat, ist in Rom begraben.

Aber wie findet man in der Ewigen und Heiligen Stadt dieses Grab? Die Fremdenführer schweigen sich aus, die bunten Bücher preisen alles und jedes zwischen Sixtinischer Kapelle und Spanischer Treppe an, sagen, wo es den stärksten Kaffee und die beste Pizza gibt, wie man zum Flughafen kommt oder Briefmarken im Vatikan kauft. Aber Bartholomäus ist und bleibt Fehlanzeige.

Die beiden Rocholomäer ließen dennoch nicht locker. Zwischen Papstaudienz und Kurzausflug zum Baden in Ostia begaben sie sich auf Schusters Rappen die Suche - und sie fanden schließlich "S. Bartholomae". Man überquert einfach eine Brücke über den Tiber unterhalb des Aventin und gelangt auf eine Insel, auf der neben einem Hospital die Kirche des heiligen Bartholomäus steht. Dorthin hatte Kaiser Otto III. im Jahr 983 die Reliquien bringen lassen. Zuvor waren die sterblichen Überreste des heiligen Bartholomäus nach Sizilien gebracht worden.

Fast könnte man meinen, die Rocholomäer hätten ihr Ziel erreicht. Aber Wanderer, kommst Du nach Rom, so bedenke, daß italienische Pfarrer und Küster einer antigermanischen Gewerkschaft angehören müssen. Die Portale der Kirche waren zu normaler Tageszeit bevor man zu Tisch geht oder Siesta hält, verriegelt, die Gitter verrammelt. Was blieb, war ein Obelisk vor der Kirche, mit dem der heilige Bartholomäus neben dem heiligen Franziskus verehrt wird. Schade, am Grab dieses Apostels, der so viel gelitten hat hätten wir gerne einmal kundgetan, daß es heute jenseits der Alpen im ''hillige Kölle" Fans und Freunde des heiligen Bartholomäus gibt die trotz seines schweren Schicksals ihm nacheifern, die vielleicht ein Stück Frohe Botschaft weitergeben, auf alle Fälle aber anderen Menschen Freude bereiten wollen.

Die nächste Reise der beiden Rocholomäer dürfte übrigens nach Frankfurt gehen. Dort befindet sich in der Bartholomäus-Kirche die Hirnschale des Heiligen. Und dort kann man sicherlich auch des Heiligen gedenken, der besonders von Landleuten, Hirten, Handwerkern und Bergleuten verehrt wird, der aber auch als Wetterheiliger und Helfer bei Nervenkrankheiten gilt.